Der bessere Weg sich zu entschuldigen!

Verblüffend, wie wir Erwachsene von unseren Kindern immer wieder Dinge erwarten, die wir selbst oft nicht richtig machen. Eins davon ist, sich zu entschuldigen. Nämlich sofort. Jetzt in der Sekunde. Und ehrlich soll’s auch noch gemeint sein! Die bessere Art der EntschuldigungAber können wir Erwachsene das überhaupt? Wenn wir ehrlich sind, verwenden wir Entschuldigungen oft nicht im Sinne einer richtigen Entschuldigung, sondern eigentlich nur als höfliche Floskel – „Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden“, oder „Entschuldigen Sie, steigen Sie auch die nächste Station aus?“ In den wichtigen Situationen, mit uns wichtigen Menschen scheinen wir irgendwie eine riesige Scheu davor zu haben, eine ehrlich gemeinte Entschuldigung auszusprechen. Vielleicht haben wir es selbst als Kind nie richtig gelernt oder vielleicht wurden wir selbst zu Entschuldigungen gezwungen, obwohl wir dazu nicht bereit waren? Nun, es ist noch nicht zu spät es richtig zu lernen – dieser Beitrag zeigt uns wie!

Schauplatz Kinderzimmer, wo sich gerade ein Streit zwischen 2 Geschwistern abgespielt hat:

Erwachsener: „Entschuldige dich bei deiner Schwester!“

Kind 1: „Aber sie hat angefan…!“ –  Erwachsener: „Egal, entschuldige dich – jetzt gleich!“

Kind 1 verdreht die Augen, und murmelt leise „Entschuldige…“

Erwachsener: „Das meinst du nicht ehrlich, sag es so, dass es ehrlich gemeint ist!“

Kind 1 in etwas genervtem Ton zu Kind 2: „EN- TSCHUL-DI-GE!“ laut, jede Silbe wie Kaugummi langziehend, offensichtlich immer noch nicht „ehrlich“.

Erwachsener dreht sich zur Kind 2: „Und du – sag, daß du ihm verzeihst und alles wieder ok ist!“- Kind 2: „Aber er meint es doch nicht wirklich!“

Erwachsener: „Er hat sich doch gerade entschuldigt – vergib ihm doch einfach und dann ist alles wieder gut!“ – Kind 2 murmelnd und es schnell hinter sich bringend: „Ichverzeihedir…“

Erwachsener: „Und jetzt seid ihr wieder Freunde, und könnt weiterspielen, okay?“

Eine Situation, die wir wohl alle kennen, wenn schon nicht mit unseren eigenen Kindern, so vielleicht aus unserer eigenen Kindheit, der Schule oder aus unserem Freundeskreis. Das Problem ist gelöst, der Erwachsene hat etwas getan, eine Entschuldigung wurde ausgesprochen und angenommen, alle sind wieder gut – der Alltag kann weitergehen! Aber zurück bleibt doch irgendwie ein schales Gefühl von „Nichts-ist-Gelöst“, alle Beteiligten haben ein schlechtes Gefühl und das Problem wurde noch nicht mal annähernd an der Wurzel gepackt!

Der bessere Weg, sich zu entschuldigen – 4 Schritte

Vor längerer Zeit bin ich über eine wirklich tolle Art der Entschuldigung gestolpert. Damals war ich auf der Suche nach einem Weg, der für Kinder mehr sein sollte, als nur eine Floskel – eine wirkliche Auseinandersetzung mit den verletzten Gefühlen. Eine Lehrerin hatte diese 4 Schritte-Entschuldigung in ihren Schulalltag eingebaut und war verblüfft, wie positiv diese den Umgang der Schüler untereinander beeinflusst hat.

Schon alleine beim Durchlesen dieser Methode, konnte ich spüren, daß dies eine ganz andere Herangehensweise war. Im ersten Moment erschienen mir die Schritte etwas steif und mühsam. Aber je mehr ich über vergangene Streitmomente nachdachte, desto klarer wurde, dass wirklich alle Schritte notwendig waren. Diese Methode kam einer Entschuldigung, wie ich sie mir immer gewünscht habe, sehr nahe.

Wenn man die 4-Schritte-Entschuldigung mit Kindern im (Vor-)Schulalter einübt, kann man bereits über die Wichtigkeit von Artikulierung und Körpersprache sprechen.

Artikulierung könnte man z.B. so demonstrieren – man spielt eine Entschuldigung vor und sagt laut mit einer übertrieben „unehrlich“ und trotzig klingenden Stimme: „Ja! ok! – dann entschuldige ich mich halt eben…ENTSCHULDIGE!“ Dem Kind wird deutlich, dass hier kein Fünkchen Ehrlichkeit im Spiel war.

Vor der Brust die Arme kreuzen und übertrieben mit den Augen rollen, vielleicht auch noch einen Schmollmund aufsetzen, der sich zu einem gequälten „Entschuldigung!“ formt, demonstriert wie wichtig die richtige Körpersprache bei einer ehrlichen Entschuldigung ist. Vielleicht fallen euch andere übertrieben dargestellte „unehrliche“ Entschuldigungen ein, die ihr den Kindern darstellen könnt, damit der krasse Unterschied deutlich wird, bevor ihr zu den 4 Schritten kommt.

„Die 4-Schritte-Entschuldigung funktioniert nur dann, wenn der Empfänger der Entschuldigung merkt, dass sie von Herzen kommt und klar ist, daß in Zukunft in solchen Situationen etwas anders gemacht wird.“

Hier nun die 4 Schritte:

  1. Ich entschuldige mich für….
  2. Das war falsch, weil…
  3. In Zukunft oder Beim nächsten Mal werde ich…
  4. Wirst du mir das verzeihen?

 

Schritt 1) Ich entschuldige mich für…: Sei genau. Zeige der Person, bei der du dich entschuldigst, daß du genau verstanden hast, warum sie so verärgert ist.

Falsch: Ich entschuldige mich dafür, daß ich gemein zu dir war.
Richtig: Ich entschuldige mich dafür, daß ich gesagt habe, daß niemand dein Freund sein will und du jetzt traurig bist.

Schritt 2) Das war falsch, weil…: Dieser Schritt braucht etwas mehr Denkarbeit, aber er ist einer der wichtigsten. Solange du nicht weißt, warum es falsch war oder wie du die Gefühle der anderen Person verletzt hast, wirst du wahrscheinlich nichts am Verhalten ändern. Das ist auch deswegen wichtig, weil du der Person, deren Gefühle du verletzt hast, zeigen willst, daß du wirklich verstehst, wie sie sich jetzt fühlt. Das macht den ganz großen Unterschied zur herkömmlichen Entschuldigung! Manchmal wollen Menschen einfach nur verstanden werden und die Entschuldigung ist nebensächlich. Manchmal reicht es einfach nur Verständnis zu zeigen – sogar ohne Entschuldigung – und sie fühlen sich besser!

Falsch: Das war falsch, weil du jetzt weinst.
Richtig: Das war falsch, weil ich deine Gefühle verletzt habe und du dich jetzt schlecht fühlst.

Schritt 3) In Zukunft oder Beim nächsten Mal werde ich…: Benutze positive Aussagen, und sage, was du tun WIRST und nicht, was du NICHT tun wirst.

Falsch: In Zukunft werde ich das nicht mehr sagen.
Richtig: In Zukunft werde ich früher sagen, wenn mich etwas stört.

Hier noch einige Beispiele:

Falsch: In Zukunft/Beim nächsten Mal werde ich dich nicht wegschubsen.
Richtig: In Zukunft werde ich warten bis ich dran bin.

Falsch: In Zukunft werde ich dich nicht hauen.
Richtig: In Zukunft werde ich dich bitten mir zuzuhören, wenn ich dir etwas sagen will.

Falsch: In Zukunft werde ich dir deinen Bleistift nicht wegnehmen.
Richtig: In Zukunft werde ich dich vorher um deinen Bleistift bitten.

Schritt 4) Verzeihst du mir? Es ist wichtig, zu versuchen die Freundschaft wiederherzustellen. Das bedeutet nicht automatisch, daß die andere Person verzeihen muss. Manchmal geht das nicht, gar nicht oder nicht sofort – manchmal braucht man Zeit, darüber nachzudenken. Hoffentlich sind wir solche Menschen, die ihren Freunden leicht verzeihen können, aber man sollte es nicht automatisch erwarten, nur, weil eine Entschuldigung ausgesprochen wurde. Auf jeden Fall, sollte aber danach gefragt werden. Kinder verwenden statt „Verzeihst du mir?“ auch gerne die Phrase „Sind wir wieder Freunde?“

Alles viel zu lang – wozu das Ganze?

Wie wir sehen können, versetzt uns gerade der 4. Schritt, um Verzeihung zu bitten, in eine unbequeme und verletzliche Lage der Demut. Aber gerade diese klare und dennoch ziemlich wenig genutzte Phrase ist sehr bedeutungsvoll für beide – es ist der Schlüssel zur Aussöhnung und oft der erste Schritt um die Freundschaft wiederherzustellen.

Auch der 2. Schritt, „Das war falsch, weil…“ hat längerfristig eine große Auswirkung auf das Verhalten des „verursachenden“ Kindes – es ist mit diesem Satz gezwungen, sich in die Lage der anderen Person zu versetzen, es entwickelt dadurch Empathie und das hilft ihm dabei zu verstehen, in welcher Weise es die andere Person verletzt hat. Das hilft auch dabei, sein Verhalten in ähnlichen Situationen zu ändern.

Diese Art der Entschuldigung kann zu einer wunderschönen Entschuldigungs-Kultur führen, im Gegensatz dazu, wo Entschuldigungen nach einem Vergehen automatisch und ohne Nachzudenken einfach in den Raum geworfen werden, als Floskel, als Quasi-Entschuldigung, weil es eben gemacht werden muss.

Kinder erlernen diese 4 Schritte so schnell, egal, ob sie jetzt 4 Jahre oder 8 Jahre sind (oder 38 Jahre) – sie erinnern sich sogar während der Entschuldigung gegenseitig „Du hast vergessen mich zu fragen, ob ich dir verzeihe!“ 🙂

Aufgrund der tollen Erfahrung, die diese Lehrerin mit ihren Schülern gemacht hat, und die wir in unserer Familie damit machen, kann ich sie euch von Herzen empfehlen! Probiert es einfach aus – es lohnt sich auf jeden Fall!


Foto: Copyright – B. Wylezich_fotolia

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