Wo bitteschön ist mein Wohlfühlbereich?

Es ist verlockend, zu einem hochsensiblen Menschen zu sagen, „bleib in deinem Wohlfühlbereich. In diesem Bereich zwickt und zwackt nichts, da bist du entspannt und ganz in deiner Kraft“.

Und genau deshalb sage ich es auch immer wieder in meinen Gesprächsrunden und Einzelberatungen: Lerne deinen Wohlfühlbereich kennen und spiele mit ihm!

Doch genau hier liegt dann auch die Crux. Wo und was bitteschön ist „mein Wohlfühlbereich“? Und um es noch zu verkomplizieren: Es gibt auch noch andere Namen dafür, wie etwa „die Komfortzone“ oder der psychologische Fachausdruck „das optimale Erregungsniveau“. Soll heißen, wir können Aufgaben am besten erledigen, wenn unser Nervensystem einem optimalen Erregungsniveau ausgesetzt ist. Diesen Bereich nennen wir den Wohlfühlbereich. Hier sind wir optimal aktiviert und können optimale Leistungsfähigkeit erbringen.

Ist das Erregungsniveau zu hoch, befinden wir uns in der Überreizung, dann können wir nicht klar denken, sind schnell genervt, überangestrengt und handeln ungeschickt und irrational. Ist die emotionale Aktivierung hingegen zu schwach, dann fühlen wir uns gelangweilt und müde, wir agieren entsprechend schwerfällig und verlangsamt.

Für jeden von uns gibt es einen individuellen Wohlfühlbereich, in dem uns das Maß dessen, was und wie viel wir tun angenehm ist. Das ist die Komfortzone. Hochsensible bewegen sich auf einem schmalen Grat des Wohlbefindens, von dem sie jederzeit in die Langeweile oder Überstimulation fallen können. Damit hochsensible Menschen sich wirklich wohlfühlen, müssen sie in der Regel selbst für Bedingungen sorgen, die für ihre Persönlichkeit günstig sind.

Zusammenfassend heißt das, dass bei einer Beschäftigung mit der eigenen Hochsensibilität das Ausloten des eigenen Wohlfühlbereichs ein sehr wichtiger Teil ist.

Unser Seismograf des Wohlbefindens

Der deutsche Coach für Hochsensibilität Ralf Sellin nennt uns für diesen Bereich sogar ein Messgerät, das wir jederzeit zur Verfügung haben: unseren eigenen Körper! Er bezeichnet unseren Körper als den „Seismografen des Wohlbefindens“ (allerdings mit der Einschränkung, dass wir leider verlernt haben, damit umzugehen). Lernen wir auf unsere Körpersignale zu achten und darauf Rücksicht zu nehmen, so lernen wir den Bereich unseres Wohlbefindens kennen. Dieser kann bei hochsensiblen Menschen sehr schmal sein. Durch das ständige Aufnehmen von neuen inneren und äußeren Reizen fällt man sehr leicht aus diesem Bereich heraus. Das kann sich auch innerhalb kürzester Zeit ereignen, ein plötzlicher Wutausbruch zeigt das besonders ausdrucksstark.

Noch war alles happy Sonnenschein und übergangslos folgt ein tobender Vulkanausbruch. Für Außenstehende schwer zu verstehen und nicht verständlich. Für einen selber unangenehm und oft auch nicht nachvollziehbar.

Wenn wir unser eigener Detektiv in Sachen Überreizung werden, dann kommen wir der Sache schon näher. Wir beobachten unsere körperliche Reaktion auf bestimmte stressige Anlässe und nehmen Herzklopfen, schweißige Hände, Kurzatmigkeit, innere Unruhe etc. wahr. Diese körperlichen Empfindungen erleben wir oft als störend und unprofessionell, sie lösen bei uns ein Unbehagen aus, deshalb versuchen wir meist darüber hinweg zu gehen. Wir wünschen uns, dass die Signale des Körpers endlich Ruhe geben, denn die Zeichen, die gesendet werden, empfinden wir als lästig.

Gehen wir nicht in Resonanz mit den Körpersignalen, dann schlittern wir sehr schnell in die Überreizung. Das kommt auch daher, dass wir dann viel mehr im Außen sind und gedanklichen Konstrukten mehr Beachtung schenken als unseren eigenen Beobachtungen. Das „Bauchgefühl“ geht durch den fehlenden Kontakt zum Körper verloren.

Unseren Körper wahrnehmen

Und was passiert dann? Letztlich wird uns alles zu viel und jeder tut auf seine Weise diesen Zustand seinem Umfeld kund. Der Zustand der Überreizung ist es, der hochsensiblen Menschen den Stempel aufdrückt, schwierig/anders/kompliziert zu sein und eben eine dünne Haut zu haben. Da kommt es dann öfters zu verletzenden Aussprüchen: „Sei doch nicht so sensibel! Stell dich nicht so an! Reiß dich zusammen!“

Unseren Körper wahrnehmen, ist daher eine wichtige Devise für hochsensible Menschen und zwar bevor er zu einer Störquelle in Form von Schmerzen, Symptomen oder Unbehagen wird.

Erst wenn wir unseren konstruktiven Wirkbereich kennen, können wir diesen Bereich aus eigenem Entschluss bewusst verlassen. Wir können uns dafür entscheiden, unsere Grenzen zu erweitern und Neues zu erleben. Jedoch mit dem Wissen, dass wir uns immer wieder neu ausjustieren müssen und Zeiten brauchen, in denen wir wieder zurück in unsere Komfortzone kommen.

Stellen wir uns also der Herausforderung und lernen auf unser körpereigenes „seismografisches Instrument“ zu hören. Denn durch die Wahrnehmung des eigenen Körpers bekommen wir (wieder) einen Zugang zu unseren eigenen Bedürfnissen.

In diesem Sinne gönne ich mir jetzt eine Auszeit vom Computer!

Herzlichst,
Karolin

Mehr über mich findest du auf:
www.karolingahleitner.at


Bildquelle: Jens Bredehorn / http://www.picelio.de

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