Warum der beziehungsorientierte Weg dennoch der bessere Weg ist!

tyrannenkinderImmer wieder wird von Autoren und sogenannten Kinder- und Erziehungs-Experten von „Tyrannenkindern“ gesprochen und „Kindern, die sich nicht unterordnen können“.

In Interviews werden sehnlichst die Erziehungsmethoden von früher herbeigewünscht, damit „Kinder ihren Eltern nicht auf der Nase herumtanzen“.

Wie früher sollen sie lernen, was Respekt ist, und wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Warum es mir beim Lesen solcher Bücher und Interviews die Nackenhaare aufstellt, und warum ich glaube, dass es zwar ein Problem gibt, aber die Forderung nach dem Erziehungsstil der „guten alten Zeit“ der völlig falsche Weg ist, kannst du hier lesen.

Im Rahmen eines Interviews mit einem bekannten Kinder- und Jugendpsychiater wurde wieder einmal die Forderung nach der Erziehung der 1950/60-er Jahre laut – scheinbar als Allheilmittel gegen die „Verhaltensauffälligkeit“ unserer Kinder des 21. Jahrhunderts. In der Nachkriegszeit und den Folgejahren ging es hauptsächlich darum, seine Existenz wieder aufzubauen. Da war kein Platz für Gefühle, weil sich kaum jemand leisten konnte, diese zuzulassen.

Eine Zeit, in der Kinder folgsam sein und parieren mussten, denn Geld war knapp und Verständnis gab es nur für die wesentlichen Dinge, und da gehörten Gefühle nun mal nicht dazu. Eine Zeit, in der physische und psychische Gewalt an Kindern gängiges Mittel der Erziehung war. Wo nicht lange gefackelt werden konnte und den Erwachsenen, als logische Konsequenz, noch Respekt entgegen gebracht wurde – meist aber nicht, weil die Kinder die Erwachsenen wirklich respektiert hätten, sondern weil es sonst Strafen, Schläge oder Sanktionen gegeben hätte.

Es wurden auch schon damals kritische Stimmen laut, wie z. B. durch das Ehepaar Karin und Kurt Kloeters, die mit dem Kloeters-Erziehungskonzept bereits in 1960 einen anderen Weg einschlugen.

Zurück zu „Ich bin der Erwachsene und habe daher die Macht“?

Soll die Zeit tatsächlich wieder zu „der Stärkere hat das Sagen“ zurückgedreht werden, wie es in dem Interview gefordert wird? Und sollen alle Erkenntnisse der letzten Jahre aus der Bindungsforschung, der Hirnforschung und der Entwicklungspsychologie außer Acht gelassen werden?

Die Tatsache, dass Kinder hauptsächlich das Verhalten der Erwachsenen imitieren und nachmachen was sie sehen, sollte uns doch zu denken geben! Wenn ich sozial kompetente, respektvolle und verantwortungsvolle Kinder (und spätere Erwachsene) haben möchte, dann muss ich mich als Erwachsener dementsprechend verhalten.

Wer als Kind nicht gesehen wurde, nicht wertgeschätzt wurde, nicht so akzeptiert wurde, wie er/sie war, dem nie zugehört wurde und aufgrund dessen weder Selbstwert noch Selbstbewusstsein entwickeln konnte, der kann doch diese Werte nur sehr schwer an seine eigenen Kinder weiter geben!

Die heutige Elterngeneration muss sich dieser Werte doch erst wieder bewusst werden – nicht umsonst gibt es heutzutage eine enorme Orientierungslosigkeit und Unsicherheit im Zusammenleben mit Kindern! Und es ist längst bekannt, dass der Gedemütigte sich meist nicht am Stärkeren rächt, sondern die Demütigung an den Nächstschwächeren weitergibt.

Erwachsene, die innerlich keine sind

Der Interviewte spricht weiters von „Erwachsenen, die nicht in sich ruhen und die die entstandene Leere in sich mit dem Glück des Kindes füllen.“ Tatsächlich, und das sehen wir alle, gibt es eine Menge davon:

  • Viele von uns füllen die Rolle als Vater oder Mutter nicht aus und die freie Rolle wird vom Kind gefüllt.
  • Eltern „helikoptern“ aus ständiger Angst um ihr Kind und stellen es in den Mittelpunkt aller Dinge.
  • Jede freie Minute wird mit Ablenkung gefüllt und nur
  • wenige Erwachsene von uns haben den Mut, sich den eigenen Problemen zu stellen.
  • Vielen Eltern ist weiters nicht bekannt, dass Kinder grundsätzlich kooperieren und ihr Verhalten spiegeln.
  • Und nicht genug wissen, dass es sich lohnen würde, die Konflikte mit Kindern von dieser Perspektive aus zu betrachten, um sich mit unerledigten Dingen aus der eigenen Kindheit zu befassen, die aufzuarbeiten wären.

Aber die Ursachen dafür sind meiner Meinung nach NICHT der vom Interviewten zitierte „partnerschafliche Erziehungsstil“ und auch nicht die „digitale Revolution, von der wir überrollt wurden“, die uns in ihrer Macht hat, die uns ablenkt und die uns in ihre Abhängigkeit treibt.

Vielmehr mangelt es doch an Mustern, wie man mit Kindern respektvoll und wertschätzend umgeht und trotzdem die eigene natürliche Autorität behält. Den eingeprägten Mustern aus der eigenen Kindheit möchten viele verständlicherweise nicht mehr folgen – doch wo die neuen hernehmen?

Es fehlt das Wissen, dass wir uns als Erwachsene um Selbstfürsorge kümmern müssen, dass wir uns all das, was uns als Kind nicht gegeben werden konnte (aus welchen Gründen auch immer) und uns heute fehlt, selber geben müssen.

Das Zaubermittel: der gefüllte Tank

Wenn der innere Tank eines Menschen vollgefüllt ist mit Wertschätzung und Liebe, Anerkennung, Geborgenheit….dh. wenn alle Grundbedürfnisse gestillt sind – dann gibt es keine Leere, die unbedingt gefüllt werden muss (hier kannst du mehr darüber lesen).

So ein Mensch ist sicher-gebunden und kann sich darauf konzentrieren das eigene Potential zu entfalten. Tatsächlich kann ja jegliche Art von Sucht nur dann entstehen, wenn die Grundbedürfnisse eines Menschen lange Zeit nicht oder nie gestillt wurden, wie in diesem eindrucksvollen Experiment untersucht wurde.

Wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind – kann sich authentisches Verhalten entwickeln:

  • Wenn ich meine Stärken und Schwächen, ebenso wie
  • meine Gefühle und Motive für bestimmte Verhaltensweisen kenne,
  • bin ich als Erwachsener durch diese Selbstreflexion in der Lage, mein Handeln bewusst zu erleben und zu beeinflussen.
  • Ich kann der realen Umgebung ins Auge blicken und auch unangenehme Rückmeldungen akzeptieren.
  • Ich muss meine negativen Seiten nicht verleugnen und bin in der Lage nach meinen Werten zu handeln.

Kurz gesagt – ich bin authentisch. Dazu ist es aber notwendig, dass mir als Kind erlaubt wurde so zu sein, wie ich bin. Ich bezweifle stark, dass dies in der Zeit nach dem Krieg möglich war.

Die bösen digitalen Medien

In diesem Interview wird auch den heutigen Medien eine große Schuld zugeschrieben. Ähnlich wie das Buch im Mittelalter, so haben heute die digitalen Medien Teufelscharakter. Als hochsensibler und sehr wissbegieriger Mensch, sehe ich das Internet und den einfachen Zugang zu jeder Art von Information aber als großen Segen an!

Nichts ist für wissensdurstige Menschen schlimmer als ungenügender Zugang zu Wissen. Dass die Reizüberflutung in den letzten Jahrzehnten immens gestiegen ist, bestreitet niemand. Menschen mit einer erhöhten Reizaufnahme haben einfach Handlungsbedarf, gewohnte Muster zu überdenken und den Alltag reizärmer zu gestalten.

Ein selbständig denkender, kritisch hinterfragender Mensch, der fähig ist sich seine Meinung zu bilden, wird auch in einer Zeit der Reizüberflutung Wege finden, die ihn wieder zu seiner Mitte finden lassen.

Und hellhörig wurde ich schliesslich bei der Antwort auf die Frage „Viele Eltern wollen kein Kind, das einfach macht, was man ihm sagt. Im Gegenteil, sie möchten es zu einem kritischen ­Menschen erziehen.“

Die Antwort des Interviewten: „Das klingt gut, und bei einem Kleinkind findet man es vielleicht noch ­lustig, dass es immer wieder fragt, was es bereits weiß, sich nicht einfügt oder frech ist. Wenn das Kind das mit 16 immer noch tut, werfen es ihm die ­Eltern vor. Doch ein Kind benimmt sich nicht einfach irgendwann mal. Man muss es ihm beibringen“

Der Satz, der für mich zwischen den Zeilen mitschwingt, ist der eines Menschen, der noch davon ausgeht, dass Kinder als schlechte Menschen geboren werden, denen man das gute Benehmen beibringen und anerziehen muss.

Es scheint in diesem Weltbild kaum vorstellbar zu sein, dass wir Menschen durch und durch soziale Wesen sind, die von Beginn an auf eine liebevolle und fürsorgliche Beziehung zu unseren Eltern angewiesen sind, um uns emotional, physisch und psychisch gut zu entwickeln.

Wie kann das Problem in der Erziehung gelöst werden?

Wenn nun der „gute alte“ Weg des „Ich bin der Erwachsene und hab immer Recht“ nicht wirklich sinnvoll ist, wie sollen nun die sogenannten Tyrannenkinder dieser Zeit vermieden werden?

Meine kritische Haltung soll absolut nicht als Generationen-Bashing verstanden werden – jede Elterngeneration versucht das Beste an ihre Kinder weiter zu geben und wer das Buch Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation gelesen hat, weiß, welch weitreichende Folgen unaufgearbeitete Traumen haben können.

Daher erscheint es mir als sehr sinnvoll, sich mit den Wunden der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, an seinem Selbstwert und seinem Selbstbewusstsein zu arbeiten und den Kreislauf zu durchbrechen.

Es macht meiner Meinung nach durchaus Sinn, sich die Erkenntnisse der Bindungs- und Säuglingsforschung, der Hirnforschung, der Entwicklungspsychologie und der Epigenetik genauer anzusehen und davon „artgerechtere“ Umgangsformen abzuleiten.

Grundsätzlich wünsche ich mir für alle Menschen, aber gerade für hochsensible Personen, dass sich die bindungs- und beziehungsorientierte Haltung im Familienleben vermehrt durchsetzen würde. Empathie, die Fähigkeit sich in andere Menschen einzufühlen, würde von klein auf erhalten bleiben und Eltern müssten sich ihren inneren Tank nicht durch ihre Kinder füllen lassen.

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