Alleinsein ist fein

zem„Alleinsein zu müssen ist das Schwerste,
Alleinsein zu können das Schönste.“

Hans Krailsheimer (1888-1958), deutscher Schriftsteller

Hochsensible Kinder ziehen sich oft zurück und genießen ihre Zeit mit sich. Doch Alleinsein hat einen schlechten Ruf. Sofort steigen in uns Bilder von Einzelgängern oder Langeweilern auf. Wir assoziieren Alleinsein mit Einsamkeit  und haben Sorge, dass unsere Kinder vereinsamen und in soziale Isolation geraten.

Aber aufgepasst! Alleinsein ist nicht gleich Einsamkeit. Bildhaft gesprochen sagt die Einsamkeit: „Ich fühle mich einsam. Ich brauche jemand anderen, um mich gut zu fühlen.“ Hingegen sagt das Alleinsein genau das Gegenteil: „Ich bin alleine und fühle mich pudelwohl. Ich brauche niemand anderen, um glücklich zu sein.“

Im Folgenden schreibe ich daher über die positiven Aspekte des Alleinseins. Also die Zeit, in der man sich freiwillig dafür entscheidet, allein zu sein und diese auch als befreiend und wohltuend erlebt. In früheren Zeiten galt die vorübergehende soziale Auszeit als bester Weg, um zu mehr Spiritualität, Kreativität sowie intellektueller Reife zu gelangen.

Vielleicht fällt es einigen von uns leichter, dieses Verhalten mit dem Wort „Rückzugskompetenz“ zu benennen. So bezeichnet es plötzlich eine Fähigkeit und Fertigkeit, die offensichtlich relevant ist für ein erfülltes Leben.

Der amerikanische Soziologe Eric Klinenberg beforscht das Alleinsein und ist überzeugt, dass Menschen, die nach einem anstrengenden Tag noch einmal mit sich in Klausur gehen, eine neue Kontrolle über ihre Zeit erleben und dabei eine ganz neue Freiheit spüren.

Alleinsein in Balance halten

Hochsensible Kinder haben ein gutes Gespür, dass eine Zeit der vermehrten Stimulation ein Gegengewicht braucht. Also etwas, das von der Stimulation wegführt. Bezogen auf einen reizüberfluteten Schulalltag kann das die selbstbestimmte Zeit zu Hause sein.

Schauen wir uns den Schulalltag eines hochsensiblen Mädchens genauer an. Über mehrere Stunden hinweg befindet sie sich in einer überstimulierenden Umgebung. Im reizüberfluteten Schulalltag steckt das Kind in einem starren Ablauf fest. In den Schulstunden fühlt sich das Mädchen oft fremdbestimmt und ausgeliefert, in den Pausen dann die Herausforderungen des sozialen Miteinanders.

All das sollten wir beachten, wenn unser hochsensibles Kind oft niedergeschlagen, schlecht gelaunt, leicht reizbar und angespannt nach Hause kommt und sich nur abschotten möchte.

Suchen Kinder von sich aus die Alleinzeit, dann gehen sie meist einer sehr konstruktiven Aufgabe nach. Sie lesen, schreiben Geschichten, Zeichen und Werken oder Spielen und Bauen…

Kinder, die für sich wohltuende Aktivitäten gefunden haben, erleben diese Zeit als bereichernd und Kraft bringend. Im Idealfall vergessen sie sich in ihrem Tun selbst. Dieser Zustand wird in der Psychologie als „Flow-Effekt“ bezeichnet und beschert uns wahre Glücksgefühle.

Kein Wunder, dass (hochsensible) Kinder nach so einem Erleben wieder aufgetankt und gut aufgelegt sind. Ein wichtiger Indikator für das konstruktive Alleinsein ist also: Wie energiegeladen kommt mein Kind aus der Alleinzeit heraus?

Zeit für Kreativität

_DSC1755 „Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe,
ist nur ein Erfolg des Alleinseins.“

Franz Kafka (1883-1924), Schriftsteller

Es wird gerne unterschätzt, wie wichtig das Alleinsein für Kreativität ist, frei von Unterbrechungen und Beeinflussung durch andere. Künstler sind oft Alleingänger und erlauben sich, dass ihre Gedanken umherwandern. Tagträumerei erwünscht! Kreativität ist schwierig zu fassen, denn es ist unvorhersehbar, wann Ideen auftauchen.

Relevant ist jedenfalls die Fähigkeit, einen inneren Monolog zu führen und diesen auch auszudrücken. Allerdings finden wir unsere innere Stimme nur dann, wenn wir mit uns selbst in Verbindung treten und reflektieren können. Damit uns das gelingt, brauchen wir Ruhe und Allein-Zeit. Wer offen ist für Kreativität, weiß also wie man das Alleinsein konstruktiv nutzt.

Wenn man alleine ist, ist man nur für sich selbst und für niemand anderen verantwortlich. Keine, die etwas von einem will. Keiner, der einem sagt, was man zu tun oder zu lassen hat. Keine, der man es recht machen muss. Man kann machen, wonach einem der Sinn steht. Das ist sehr erholsam und lädt die Akkus wieder auf.

Unsere Aufgabe als Eltern? Das hochsensible Kind zu unterstützten. Es ist in Ordnung, dass es Zeit für sich alleine benötigt, um wieder Aufzutanken!

Wenn du unter Gleichgesinnten wieder  auftanken möchtest, dann komm‘ in unsere Eltern-Gesprächsrunden – die Termine findest du hier!

Der nächste Workshop für hochsensible Eltern zum Thema „Konstruktiver Umgang mit Hochsensibilität im Familienalltag“ ist am 25.11.2016. Anmeldung und Details hier. Es gibt noch ein paar freie Plätze – begrenzte Teilnehmerzahl!


Quelle: E. Aron: Das hochsensible Kind / T. Zeff: The sensitive boy / R. Sellin: Mein Kind ist hochsensibel – was tun? / S. Harcke: Hochsensibel – was tun?  / selbstewusstsein-staerken.net / karrierebibel.de/alleinsein / N. v. Lettow-Vorbeck: Alleinsein / Huffington Post: Das Geheimnis der Kreativität

Foto: © Ewald Kutzenberger, Serie-Zen, 2014

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