7 Tipps über den Umgang mit Hochsensibilität – Teil 2

Die Tipps 1 – 3 im 1. Teil über den Umgang mit Hochsensibilität handelten davon, die erkannte Hochsensibilität zu akzeptieren, den Lebenssttipps zum umgang mit hochsensibilitätil so weit wie möglich anzupassen, und sich in Gesellschaft anderer hochsensibler Personen mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das sind genau betrachtet schon sehr einschneidende Veränderungen, die für viele Hochsensible eine Erleichterung im Leben bringen können. Aber es gibt noch weitere, große Schritte, die notwendig sind, um Hochsensibilität in den Alltag zu integrieren – und ein paar davon haben es ziemlich in sich.

Tipp 4 – Wähle deinen Wirkungsbereich klug aus!

Bereits in den 1920-er Jahren wurde von Ernst Kretschmer der ‚Sensitive Reaktionstypus‘ beschrieben – damals waren die Qualitäten der Hochsensiblen im Berufsleben noch sehr gefragt: zB. die erhöhte Wahrnehmung, der Blick dafür, was noch nicht ganz stimmig ist und der Sinn für zukünftige Entwicklungen. Seit damals hat sich einiges gewandelt; die schon beschriebene, wachsende Informationsflut, zunehmender Leistungsdruck und Konkurrenzkampf setzen wahrscheinlich allen Menschen, besonders aber hochsensiblen Personen ziemlich zu.  Wer hier nicht bewusst lernt, mit der Aufnahme von Reizen und deren Verarbeitung umzugehen, zieht sich womöglich zurück, brennt aus oder landet im schlimmsten Fall im beruflichen Out. Hochsensible sind für alles begabt, das mit Gründlichkeit, mit dem Blick auf Zusammenhänge und der differenzierten Wahrnehmung zu tun hat – die geeigneten Berufsfelder sind weit gestreut und es lässt sich hier keine pauschale Berufsempfehlung  abgeben.

Die einhellige Meinung aller Experten jedoch ist, daß sich hochsensible Personen sehr wohl um eine Tätigkeit bemühen sollten, die ihnen mehr Energie gibt als raubt, die ihnen „gut tut“, die es zulässt, Zeit für Reizverarbeitung aufzubringen. Abgrenzung ist hier wieder ein großes Thema (dazu bald ein weiterer Beitrag).

Tipp 5 – Entziehe dich der Stress-Spirale!

Du gehörst vielleicht auch zu den Menschen, die sich am Abend, nach einem stressigen Tag, nichts sehnlicher wünschen als Ruhe, Entspannung und Nichts-tun. Jedenfalls zählt für viele hochsensible Personen Sport am Abend nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen. Gerade aber die körperliche Bewegung (und sei es nur ein Spaziergang) ist der beste Garant für den Abbau von Stresshormonen und den Aufbau des so notwendigen Oxytocins. Muskeltätigkeit und Bewegung sorgen dafür, dass das über den Tag gebildete Adrenalin wieder abgebaut wird. Man ist am nächsten Tag wieder belastbarer. Die gute Nachricht: Oxytocin,  bekannt u.a. als das Glücks-, Still- oder Kuschelhormon, wird auch gebildet, wenn man Nähe zu anderen Menschen erlebt und Vertrauen und Rückhalt verspürt.

Menschen, die ihren Stresslevel weder durch Bewegung noch durch die (angenehme) Gesellschaft anderer senken, laufen Gefahr in eine negative Stress-Spirale zu kommen und sind von Tag zu Tag mehr gestresst. Zum Stressabbau gibt es unzählige Methoden, doch Meditationsformen, die weder den Körper noch Bewegung miteinbeziehen, seien für hochsensible Personen nicht zu empfehlen. So schreibt jedenfalls Rolf Sellin in seinem Buch ‚Wenn die Haut zu dünn ist‘:

„Zumindest für uns Europäer, die wir uns meist zu wenig bewegen und zuwenig Kontakt zum eigenen Körper haben und verkopft sind, sind diese Meditationsformen oft ungeeignet, und für Hochsensible können sie sogar schädlich sein“. Rolf Sellin

Es empfiehlt sich auf jeden Fall bewusst nach einer, zu dir passenden Stressabbau-Methode zu suchen und nicht jedem Trend blind zu folgen.

Tipp 6 – Reframe your life!

Mit dem Wissen über die (eigene) Hochsensiblität lassen sich in Retrospektive einige Situationen im Leben anders auslegen. Betrachte die schwierigen Situationen deines bisherigen Lebens nochmals – diesmal durch die Brille der Hochsensiblität. Besonders jene Situationen, die dein Selbstwertgefühl und dein Selbstbewusstsein geschwächt haben, bedürfen näherer Beleuchtung und einer neuen Bewertung aus der Sicht des nun Erwachsenen. Dies hilft beim Loslassen von negativen Gefühlen, beim Auflösen von Blockaden und mit ziemlicher Sicherheit hilft es dir im Familienalltag mit eigenen, vielleicht hochsensiblen Kindern und Partnern. Auf jeden Fall verändert es die Art und Weise, wie du über dich selbst denkst und fühlst.

Tipp 7 – Wenn nötig, verarbeite deine Kindheit!

Besonders Elaine Aron spricht dieses Thema sehr oft in ihren Interviews an: die wenigsten Hochsensiblen hatten eine „Hochsensiblen-gerechte“ Kindheit. Ganz im Gegenteil mussten viele hochsensible Personen eine schreckliche Kindheit durchleben. Die Palette reiche von einfacher Lieblosigkeit und Rohheit in der Familie bis zu körperlicher/seelischer/psychischer Misshandlung. Schon alleine die Tatsache, dass viele hochsensible Personen in ihrer Empfindsamkeit nicht erkannt wurden und Eltern ihre hochsensiblen Kinder als ’nicht normal‘ ansahen, dürfte viele in der Entwicklung des eigenen Selbstwertes gebremst haben. Die Wissenschaft um den Wesenszug Hochsensibilität gibt es seit rund 20 Jahren, im deutschen Sprachraum gar erst seit etwas über 10 Jahren und auch Schlagwörter wie Gleichwürdigkeit, Empathie und Bindung sind der Allgemeinbevölkerung, so scheint es, auch heute noch zum Großteil ein Rätsel.

Doch gerade die Erziehung von hochsensiblen Kindern (und auch im Bezug auf das innere Kind), ist es oft unerlässlich, sich den Wunden der eigenen Kindheit zuzuwenden, und die Folgen der (oft gutgemeinten) Erziehung aufzuarbeiten. Die bereits verstorbene Alice Miller spricht in ihren Büchern vom ‚falschen Selbst‘, das entsteht, wenn das Selbstwertgefühl eines Menschen so weit verletzt wird, dass er sich nicht  mehr für liebenswert erachtet.

„Jedes Kind hat das legitime narzisstische Bedürfnis, von seiner Mutter (Bezugsperson) gesehen, verstanden, ernstgenommen und respektiert zu werden.“ Alice Miller

Wurde dieses Bedürfnis nicht erfüllt, hat dies Auswirkungen auf das Erwachsenenleben und zeigt sich in Symptomen, die man oft nicht damit in Verbindung bringt – Elaine Aron spricht hier von „der Wunde ohne Namen“. Wenn du dich zu diesen Personen zählst, spricht einiges dafür, dich auf eine Reise durch deine Kindheit zu begeben – suche dir dafür eine empathische Begleitung.

Es lohnt sich auf jeden Fall, sich aus einer passiven Haltung in eine aktive zu begeben und den Alltag bewusst zu gestalten. Schon allein die Umsetzung von nur ein oder zwei Punkten hat eine positive Auswirkung auf das Leben aller Beteiligten, was wiederum zur Umsetzung weiterer Punkte motiviert. Wenn du einen kleinen Schubs in die richtige Richtung benötigst, komm in unsere Eltern-Gesprächsrunden 🙂 oder kontaktiere uns per Email.


Quellen: div. Interviews mit Elaine N. Aron  ¦  Rolf Sellin: Wenn die Haut zu dünn ist: Hochsensibilität – vom Manko zum Plus  ¦  Alice Miller: Das hochbegabte Kind

© Bild: Uschi Dreiucker pixelio.de

2 Gedanken zu “7 Tipps über den Umgang mit Hochsensibilität – Teil 2

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